zurück
Lehre kann nicht Ziel der gymnasialen Oberstufe sein
- Gastkommentar von Jürgen Böhm in der Mittelbayerischen Zeitung -

Bundesbildungsministerin Wanka zieht die falschen Schlüsse aus einer verfehlten Bildungspolitik.

Da rät die Bundesbildungsministerin Wanka den Abiturienten in Deutschland sich doch um eine Lehre zu bemühen. Der Grund sei, dass in Deutschland derzeit zu viele Studenten an den Anforderungen eines Hochschulstudiums scheitern.
Warum ist das so? In den vergangenen Jahren wurde unseren Kindern und vor allem deren Eltern von sogenannten und selbsternannten Bildungsexperten suggeriert, dass das Alleinseligmachende und die Lösung aller Zukunftsprobleme die Erreichung eines Abiturs wäre. Andere Schulabschlüsse und berufliche Zukunftsoptionen wurden mehr und mehr aus den Augen verloren oder abqualifiziert.
In einigen Bundesländern, wie zum Beispiel in Schleswig-Holstein und im Saarland wurden erfolgreiche Schularten, wie zum Beispiel die Realschulen, einfach abgeschafft und durch Einheitsschulen – natürlich mit dem Ziel Abitur – ersetzt. Die einseitige Orientierung auf die Steigerung der Abiturquote, wie dies in einigen Bundesländern seit Jahren betrieben wird, zeigt nun erste gravierende negative Folgen.
Die Vernachlässigung der differenzierten Bildungsgänge in den vergangenen zehn Jahren und undurchdachte Vereinheitlichungstendenzen führten vorhersehbar zu einem Profil- und Qualitätsverlust der Schularten im gesamten Sekundarbereich, auch und gerade beim Gymnasium. Es ist an der Zeit, die Talente unserer Kinder so zu fördern, dass diese erfolgreich ihr Leben und ihre berufliche Zukunft gestalten können. Der persönliche und berufliche Erfolg eines Menschen zeigt sich doch erst am Ende des Ausbildungsprozesses.
Angesichts der erschreckend hohen Studienabbrecherquoten und der bundesweit fehlenden Fachkräfte muss endlich ein Umdenken in den Kultusministerien der Bundesrepublik einsetzen. Viele Jugendliche wurden augenscheinlich in den vergangenen Jahren fehlgeleitet und stehen teilweise mit Mitte 20 vor den Scherben einer gescheiterten Bildungsbiographie. Man darf nicht nur im Regierungsprogramm der Bundesregierung die duale Berufsausbildung loben und zum deutschen Exportschlager erheben, man muss in den einzelnen Ländern alles zur qualitativen Stärkung der Mittleren Bildungsgänge als Basis der Beruflichen Bildung tun. Eine Diskussion über die Länge der Gymnasialzeit hilft dabei nicht wesentlich weiter. Es kommt darauf an, das Profil der jeweiligen Schularten zu stärken und zu deren ursprünglichem Selbstverständnis zurückkehren. Dieses lag bisher beim Gymnasium darin, die Jugendlichen auf ein Hochschulstudium vorzubereiten. Jeder einzelne Jugendliche sollte sich auf den geeigneten Ausbildungsweg begeben und sein Ziel erreichen können.
Der Ruf nach den Absolventen der erfolgreichen und starken Realschulen und Mittelschulen, die sich in Bayern in den vergangenen Jahren qualitativ hervorragend entwickelt haben, wird in der Wirtschaft und im Handwerk immer lauter.
Der Hochtechnologiestandort Deutschland kann mit Blick auf den künftigen Fachkräftebedarf auf den geeigneten Abiturienten, den geeigneten Realschulabsolventen und den geeigneten Absolventen der Mittelschule nicht verzichten.

Pressemitteilung in pdf-Format zum Download: PM_140429.pdf

Autor: Gastkommentar von Jürgen Böhm in der Mittelbayerischen Zeitung