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Wird die Bildung zum Spielball der Koalitionsverhandlungen?
Oder: Was wird mit der Zukunft unserer Kinder, Frau Merkel?

So, da haben wir das amtliche Endergebnis. Fast 42 Prozent für die Union bei der Wahl zum Deutschen Bundestag und doch reicht es nicht für eine klare Regierungsbildung. Seit Tagen überschlagen sich die Spekulationen über mögliche Koalitionen, da Frau Merkel im Bund der langjährige Partner im wahrsten Sinne des Wortes weggebrochen ist. Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün – so lauten die Farbenspiele. Aber so einfach ist es nicht. Und es geht nicht nur um Steuerpolitik oder Energiewende. Es geht viel tiefer. Letztendlich geht es auch darum, welches Gesellschaftsmodell sich künftig in der Bundesrepublik etabliert. Da passen viele Vorstellungen von CDU/CSU und SPD bzw. B90/Die Grünen eigentlich nicht zusammen.
Auch wenn Bildung Ländersache ist, beschleicht viele Eltern, Lehrer und an Bildung Interessierte das Gefühl, dass über Bildung und Erziehung kaum geredet wird. Seit Jahren gelingt es der CDU auf diesem Zukunftsfeld nicht, klare Positionen zu besetzen oder sie verzichtet bewusst auf bildungspolitische Verantwortung. In den Ländern überlässt die Union das Bildungsressort oftmals dem kleineren Partner (Sachsen-Anhalt, Saarland, Thüringen, Hessen …). Nur noch in Sachsen bestimmt die parteilose Kultusministerin Kurth auf CDU-Ticket die bildungspolitischen Geschicke des Landes. Die KMK erinnert mittlerweile an einen grün-roten Debattierclub, der mitunter durch Einwände aus Bayern und Sachsen im Gleichklang etwas gestört wird.
Nein, noch viel schlimmer: In Baden-Württemberg wird derzeit das ehemalige Vorzeigeland der Bildungsqualität auf dem Altar der Ideologie einer grün-roten Einheitsschule geopfert.
Jedem, dem an der Bildungsqualität in unserem Land gelegen ist, muss es den Angstschweiß auf die Stirn treiben, wenn er an mögliche Optionen der Besetzung eines Bundesbildungsministeriums denkt. Mit der SPD und den Grünen wird wohl vom Bildungsföderalismus und den differenzierten Bildungsangeboten im Land nicht viel übrig bleiben. Im Gegenteil: Seit Jahren werden in den Programmen von SPD und Grünen Märchen von einer nicht definierten Bildungsgerechtigkeit durch Bildungs-Gleichschaltung der Länder verbreitet. Die Frage ist doch, auf welches Niveau man sich letztlich einigt?
Gefragt ist hier eine klare Haltung zu einem Hauptfeld der Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Verabschiedet sich die CDU weiterhin von der Bildung? Seit dem Leipziger Parteitag der CDU 2011 wabert ein unklares Bildungskonzept durch die Republik. Es fehlt ein klares Bekenntnis zu einem differenzierten Schulwesen mit hoher Qualität und Anschlussfähigkeit. Man gibt Positionen auf und begnügt sich mit einem Bekenntnis zum Gymnasium. Es reicht nicht, wenn die Kanzlerin das duale System als einen Exportschlager feiert und ihre Partei dann die differenzierten Schularten, die zur hohen Qualität der beruflichen Bildung führen nicht unterstützt. Da werden sich die Ausbildungsbetriebe, das Handwerk und die Wirtschaft bald bedanken.
In Baden-Württemberg kämpft die Landes-CDU um den Erhalt und die Weiterentwicklung einer auf den Schüler zugeschnittenen Schullandschaft. In Niedersachsen hingegen wurde mit der Einführung einer „Oberschule“ durch einen CDU-Kultusminister (!) der wissenschaftlich nachweislich gescheiterten Gesamtschule neuer Nährboden gelegt. Wo geht es hin mit der Bildung?
Wir brauchen dringend Fachkräfte in diesem Land – gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte und keine inflationär verteilten Bildungsabschlüsse, so dass am Ende eine OECD-Quote stimmt. Qualität ist das Schlagwort des globalen Wettbewerbs und nicht Einheitsbrei. Die Praktiker in den Schulen können es nicht mehr hören, was selbsternannte Bildungsexperten verkünden. Angeblich brauchen wir keine Leistung, keine Noten, keine Hausaufgaben. Gurus der Binnendifferenzierung und Vollinklusion, die seit Jahrzehnten nicht oder noch nie nach ihrer eigenen Schulzeit eine Schule betreten haben, erzählen Lehrerinnen und Lehrern, wie es geht.
Es geht künftig eben nicht ohne ein klares, intelligentes Konzept. Es geht eben nicht ohne individuelle Bildungswege. Es geht eben nicht ohne Leistung und Motivation. Es geht nicht ohne eine klare, mutige Bildungspolitik mit einem Bekenntnis zur Individualität und Qualität. Es geht nicht ohne eine klare bildungspolitische Aussage, Frau Merkel.
Der Mensch beginnt nicht mit dem Abitur. Der Mensch ist ein Individuum. Unsere Kinder haben es verdient, dass wir uns viele Gedanken um ihre Zukunft machen. Da kann es keine einheitlichen Entwürfe geben. Wir sollten stolz sein auf die Vielfalt der Bildungswege und allen Wegen die gleiche gesellschaftliche Anerkennung zuteilwerden lassen. Wir sollten den Familien unter die Arme greifen, die es nötig haben, wir sollten Bildungsangebote schaffen und wir sollten den Heranwachsenden genügend Raum zur freien Entfaltung lassen. Jeder Mensch ist einzigartig und jeder wird gebraucht – der Hauptschüler, der Realschüler und der Abiturient.
Es wird spannend.
Wir werden genau beobachten, welchen Stellenwert der Wahlgewinner der Bildung entgegenbringt.

Pressemitteilung in pdf-Format zum Download: PM_131007_Kommentar.pdf